Steffen Heckele

 

Wettkampanalyse in der Zweikampfsportart Ju-Jutsu

 

Der vorliegende Beitrag wurde von Bundestrainer Steffen Heckele beim Symposium der Sektionen Trainingswissenschaft, Biomechanik und Sportmotorik der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) in ausführlicher Form vorgetragen und präsentiert. Unter der Leitung von Prof. Dr. Jürgen Krug (Uni Leipzig) konnte diese Arbeit und das Ju-Jutsu im Arbeitskreis „Wissenschaftlicher Nachwuchs“, sehr bedeutenden Sportwissenschaftler vorgestellt werden, die mit hilfreichen Anregungen den Fortschritt der Arbeit unterstützten.

 

1       Die Sportart Ju-Jutsu

 

Die Zweikampfsportart Ju-Jutsu wird als moderne Selbstverteidigungsart beschrieben, die in sich Elemente unterschiedlicher Zweikampfsport- und Selbstverteidigungssysteme vereint und diese weiterentwickelt hat (vgl. Kirchgässner, 1993).

Im Zentrum des Interesses dieses Beitrages steht die Disziplin „Fighting“. In dieser Disziplin soll eine computergestützte Wettkampfanalyse durchgeführt werden.

  

2       Aufgabenstellung der Wettkampfanalyse

 

2.1     Voraussetzungen in der Disziplin Fighting

 

Die Voraussetzungen der Wettkampfanalyse in der Disziplin Fighting sind bisher durch subjektive Eindrucksanalysen der Trainer im Spitzenbereich gegeben. Eine standardisierte Wettkampfbeobachtung mit einer folgenden computergestützten Wettkampfanalyse ist bisher noch nicht geleistet worden.

Aufgrund der genannten Voraussetzungen stehen die folgenden zwei zentralen Ziele im Mittelpunkt, nämlich eine Wettkampfstrategie- und ein Technikanalyse auf empirisch geprüfter Basis zu erstellen.

 

2.2     Untersuchungsverfahren

 

Grundlage der Wettkampfanalyse bilden die Videoaufnahmen von Meisterschaften und internationalen Turnieren. Analysiert werden die Europameisterschaften 2003 in Hanau, die Weltmeisterschaften 2004 in Madrid und die in Duisburg stattfindenden World Games 2005. Tabelle 1 soll einen Einblick in die  Möglichkeiten von videogestützten Wettkampfbeobachtung, als Grundlage der Wettkampfanalyse verschaffen.

 

 

 

Tab. 1: Untersuchungsverfahren für eine komplexe Wettkampfanalyse im Ju-Jutsu (modifiziert nach Tünnemann, 2001, S. 137).

 

Digitale Videoaufnahmen bei Meisterschaften und Turnieren

 

 

Erstellung  von Videomaterialien mit differenzierten Inhalten und Strukturen

„Spitzentechniken“ internationaler
Turniere

Technisch-taktische Details von potenziellen Medaillengewinnern

Gewichtsklassenbänder

Zusammenstellung der Stärken und Schwächen deutscher Athleten

Lehr- und Weiterbildungsvideos (Technik-, Taktik-, Trendanalysen, Kampfrichterschulung)

 

 

Erstellung von Bandprotokollen und computergestützte Archivierung der
Videobänder

(Suchprogramm zum Auffinden von Kämpfen, Athleten, Techniken, Wertungen usw.)

 

 

 

Dateneingabe aller relevanten Wettkampfinformationen

Erstellung digitaler

Videosequenzen

 

 

 

 

Datenauswertung und Ergebnisdarstellung

 

 

 

 

computergestützte Wettkampfanalyse am Bildschirm

computergestützte Wettkampfanalyse und Ranglisten

Videosequenzen für Gegnerinformationen und Analyseberichte

                       

 

Tünnemann (2001) führt weiter an, dass die computergestützte Analyse eines Wettkampfes für unterschiedliche Gruppierungen realisierbar sein und sowohl aktuelle als auch entwicklungsbezogene Auswertungen ermöglichen müssen.

Die wesentlichen untersuchten Kriterien sind dabei:

-         die Techniken und ihre Effektivität (Körperpositionen, Bewertungen, Bestrafungen),

-         das taktische Verhalten und die Angriffshäufigkeit (Kampfsituation, Angriff, Konter),

-         Merkmale des Gegners (Kampfstil, Größe, Angriffsaktivität),

-         sowie die Ermittlung allgemeiner statistischer Daten (Kampfzeiten, Siege, Niederlagen, Platzierungen).

 

In der Abbildung 1 sind die zu analysierenden Techniken des Teilbereichs eins aufgeschlüsselt und systematisch geordnet. Die einzelnen Merkmale zu den Techniken finden sich auszugsweise in Tabelle 2, dem Wettkampfbeobachtungsbogen. Die Beobachtung und Aufzeichnung der Techniken in den Teilbereichen zwei und drei erfolgt nur mit der Benennung der Technik und der Zuordnung der erzielten Wertungen bzw. Bestrafung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Abb. 1: Struktur der „Atemitechniken“ im Ju-Jutsu

 

 

Der Wettkampfbeobachtungsbogen (vgl. Tab. 2) zeigt die Struktur einiger Merkmale auf, die notiert und anschließend ausgewertet werden.

 

Tab. 2: Wettkampfbeobachtungsbogen der Disziplin Fighting.

 

Videoanalyse Ju-Jutsu Fighting

BZ:

Athlet (rot):

Athlet (weiß):

Zeit:

Technik:

Wertung

Körperpos.

Kampfsituation

Gegnermerkmale

W 1

W 2

K 1

K 2

K 3

S 1

S 2

S 3

S 4

G 1

G 2

G 3

G 4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zusätzlich werden folgende Daten erfasst:

-         Altersbereich, Turnier, Datum, Ort und Land,

-         Kämpferdaten: Name, Vorname und Nation.

-         Kämpferprofile werden anschließen aus den objektiv gesammelten Daten und den Eindrücken der Spitzentrainer erstellt.

 

2.3     Analyseverfahren

 

Nach der Sammlung aller Kampfdaten und der Aufstellung einer Kämpferdatenbank sollen folgende Bereiche analysiert und den Trainern im Spitzenbereich zur Verfügung gestellt werden.

Objekte der Analyse sind (modifiziert nach Heinisch 2003):

-         Kampfstatistik der Siege

-         Kampfstatistik der Niederlagen

-         Wertungen der eigenen Athleten

-         Wertungen des Gegners

-         Bestrafungen der eigenen Athleten

-         Gegnerische Bestrafungen

-         Rangfolge der eigenen Angriffshäufigkeit

-         Rangfolge der gegnerischen Angriffshäufigkeit

-         Rangfolge der eigenen Effektivität

-         Rangfolge der gegnerischen Effektivität

-         Kampfparameter

-         Angriffsprofil der eigenen Athleten

-         Gegnerisches Angriffsprofil

-         Effektivitätsprofil der eigenen Athleten

-         Gegnerisches Effektivitätsprofil

 

Die Auswahl bestimmter Gewichtsklassen bzw. Platzierungen soll ebenfalls möglich sein. So können Vergleiche der einzelnen Parameter, beispielsweise alle Medaillengewinner der Europameisterschaften, gemeinsam analysiert werden. Die im Rahmen der Wettkampfanalyse erstellte Videodatenbank soll den Trainern und Athleten bei Höhepunkten Vorort zur Verfügung stehen und somit eine optimierte, unmittelbare Kampfvorbereitung ermöglichen. Die Trainer und Spitzenathleten können sich die Kämpferprofile, die erfolgreichen Techniken und die Situationen der erfolgreichen Anwendung ihrer Gegner vergegenwärtigen und ihre eigene Vorgehensweise optimieren.

 

3       Zusammenfassung

 

Mit der Fertigstellung der Datenbank und des Analyseprogramms müssen die gesammelten Daten zuerst ausgewertet und anschließend auf den Bedeutungsgehalt geprüft werden. Mit der erfolgreichen Umsetzung der vorgestellten Wettkampfanalyse in der Disziplin Fighting der Sportart Ju-Jutsu muss des weiteren beobachtet werden, ob dadurch eine weitere Leistungssteigerung der Mitglieder der Deutschen Nationalmannschaft erreicht wird. Den Trainern wird damit ein Programm auf der Basis objektiver Daten zur Verfügung gestellt, das mit den bisherigen Erkenntnissen der subjektiven Eindrucksanalysen der Spitzentrainer schärfere Ergebnisse liefert, die im Trainings- und Wettkampfprozess Anwendung finden können.

 

 

Literatur

Heinisch, H.-D. (2003). Ergebnisse wettkampfanalytischer Untersuchungen im männlichen Spitzenbereich. In Mosebach, U. (Hrsg.), Judo in Bewegung (S. 77-100). Bonn: Bern.

Kirchgässner, H. (1993). Definition Ju-Jutsu. In Schnabel, G. & Thieß, G., Lexikon Sportwissenschaft. Leistung-Training-Wettkampf (S. 430). Berlin: Sportverlag.

Tünnemann, H. (2001). Softwareentwicklung für Wettkampfanalysen in den Zweikampfsportarten. Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft 8, (1) 132-155.

 

 

Steffen Heckele

Bundestrainer

 

 

zurück zu den Berichten                            Zurück zum Seitenanfang